Gastbeitrag: Informiert die Bürger online!

Daniel Krüger engagiert sich seit zehn Jahren im Bereich digitale Kommunikation und Transformation. Er ist Inhaber einer Digitalagentur und der Kopf hinter dem erfolgreichen Blog Digitale Provinz. Im Gastbeitrag kommentiert er die aktuelle Kommunikation in seiner Heimat Sachsen-Anhalt.

 

Die Kommunikation zwischen Politik und Bürgern muss endlich digitalisiert werden. Sonst entsteht ein Vakuum im Internet, das niemandem gefallen kann.

Wir leben in einer besonderen Zeit. Corona hat Europa und Deutschland fest im Griff. Für uns alle resultieren daraus dramatische Veränderungen. Doch wie jede Krise gibt auch Corona der technischen und gesellschaftlichen Entwicklung einen kräftigen Schub. In den letzten zwei Wochen hat sich in Sachen Digitalisierung so viel getan, wie in vielen Jahren zuvor nicht. Millionen Menschen verdienen ihr Geld plötzlich im Homeoffice, Unternehmen arbeiten in Videokonferenzen und selbst staatliche Schulen – sonst technisch eher konservativ aufgestellt – versuchen sich schlagartig in der Digitalisierung.

Für viele Entscheider in Unternehmen und Verwaltung waren digitale Tools und digitale Kommunikation vor Corona nicht mehr als ein nettes Extra: Etwas, das man sich leisten konnte, aber nicht musste. Sie werden nun eines Besseren belehrt. Und auch die harten Skeptiker – die bis vor kurzem vor allem vor den Gefahren der Digitalisierung gewarnt haben – sind bis auf Weiteres verstummt. So gab es auch in der Kommunikation von Politik und Verwaltung in Sachsen-Anhalt in kürzester Zeit einige Veränderungen. Die Staatskanzlei Sachsen-Anhalt streamt Pressekonferenzen nun live ins Internet. Eine Maßnahme, die vor kurzem noch undenkbar schien. Das Onlineportal des Landes bietet zudem laufend aktualisierte Informationen zur Lage. Spürbar hat im politischen Magdeburg ein Umdenken eingesetzt, das durch die Krise ausgelöst wurde. In Zeiten von Kontaktsperren und sich stündlich ändernden Sachlagen bietet das Internet einfach die schnellste und effizienteste Möglichkeit der Kommunikation für Regierung und Behörden.

In dieser Situation erkennt die Politik sogar, wie wichtig Facebook als Mittel der Kommunikation sein kann. Die Landesregierung hat ihre Präsenz auf Facebook wieder aktiviert. Ein längst überfälliger Schritt, den viele Journalisten und Kommunikationsexperten sehr begrüßen. Am meisten jedoch nutzt diese Entscheidung tatsächlich den Bürgern. Denn sie können sich bald wieder direkt informieren.

Mit politischer Kommunikation gegen Fake News

Es gibt trotzdem noch viele Defizite in der Kommunikation. Besonders in Zeiten wie diesen entstehen in sozialen Netzwerken sogenannte Echokammern, in denen sehr viele Menschen bewusst oder unbewusst Fake News und Verschwörungstheorien konsumieren und weiterverbreiten. Das Gleiche gilt für Messenger wie WhatsApp oder Telegram. Die Menschen haben, besonders in einer dramatischen Situation, wie der derzeitigen Lage und dem damit einhergehenden Informations-Chaos, ein starkes Bedürfnis nach verlässlichen Informationen. Hier können Social Media-Kanäle von Ministerien und Behörden Abhilfe schaffen. Wie viele Infizierte gibt es derzeit im Land? Wo kann ich mich testen lassen? Welche Hilfsmöglichkeiten stehen mir zur Verfügung? Diese Fragen werden in sozialen Netzwerken zu oft mit Spekulationen und Gerüchten beantwortet. Warum verzichtet man von offizieller Seite auf die Möglichkeit, Fakten und eigene Anstrengungen in die digitale Welt zu kommunizieren? Das ist immerhin eine Welt, die täglich wächst und relevanter wird.

Aber zurück zu den bereits erwähnten Fake News und Verschwörungstheorien. Auf Facebook finden sich Gruppen und Seiten, in denen offen darüber philosophiert wird, dass Corona von der CIA kreiert wurde oder dass bereits 2019 die Hälfte aller Briten absichtlich mit Corona infiziert wurde. Hier ein Überblick über gängige Verschwörungstheorien zu Corona von tagesschau.de. Auch auf WhatsApp kursieren massenweise Kettenbriefe mit falschen Informationen und Fake News. In einer solchen Massen- Nachricht heißt es beispielsweise, Bill Gates hätte Corona bewusst in die Welt gesetzt. Eine andere "Nachricht" besagt, dass derzeit Menschen in weißen Schutzanzügen herumlaufen und sich als Mitarbeiter des Gesundheitsamtes ausgeben, um sich Zugang zu Wohnungen verschaffen.

Fake News haben reale Folgen

Solche Falschinformationen verunsichern die Bevölkerung. Was passiert, wenn tatsächlich einmal ein Mitarbeiter des Gesundheitsamtes klingeln müsste? An dieser Stelle möchte ich alle Nutzer von Messengern wie Whatsapp und besonders auch Eltern darauf hinweisen, dass diese Kettenbriefe nicht nur ärgerlich sind, sondern eben auch gefährlich. Jeder sollte besonders darauf achten, dass solche Nachrichten nicht weiterverbreitet, sondern gelöscht werden. Hier gibt es Zehn Tipps gegen Lügen (Süddeutsche Zeitung).
Die in Messengern verbreiteten Falschinformationen können zu panischen Reaktionen und Gewaltausbrüchen führen. Als am 18. Februar ein Flugzeug aus Wuhan in der Ukraine landete, sorgte das Gerücht, alle Passagiere seien mit dem Coronavirus infiziert für spontane Ausschreitungen und extreme Gewalt. Gestreut wurde das Gerücht in den sozialen Medien. Und selbst der Chef der Weltgesundheitsorganisation (WHO) sagte neulich, dass es derzeit nicht nur um eine Pandemie, sondern auch um eine Infodemie ginge, die nicht minder gefährlich sei.

Das alles zeigt, wie gefährlich und hochdynamisch Ausnahmesituationen sein können. Es zeigt auch, wie wichtig Korrekturen von Fake News werden können. Wenn die Politik nicht auf Social Media und Messengern vertreten ist, kann sie dort auch nichts gegen Falschinformationen tun. Sie kann nur zusehen, wie beunruhigende Dinge passieren. Im Ergebnis kann jeder, der will, die verrücktesten Theorien streuen. Gleichzeitig gibt es keinen offiziellen Regierungs-Account, der mitteilt, was wirklich passiert und was nicht.

Das Saarland in der Vorreiterrolle

Das Saarland beispielsweise kommuniziert die wichtigsten News zum Thema Corona über die drei Messenger Apps von Facebook, Telegram und Notify (Twitter). Über diese Kanäle können sich interessierte Bürger ständig über Veränderungen der Lage und Hilfsangebote verschiedener Ministerien auf dem Laufenden halten. Neue Nachrichten sind in Minutenschnelle direkt beim User auf dem Handy. Darüber hinaus können Bürger auch kursierende Fake News melden, sodass von den Behörden darauf angemessen reagiert werden kann. Gleichzeitig entlastet dieser Service die teilweise sehr hoch frequentierten Hotlines der Behörden. So funktioniert Kommunikation mit den Bürgern im Jahr 2020. Den Datenschützern wiederum sei gesagt: Die im Saarland installierten Lösungen funktionieren nach Vorgaben der DSGVO.

Die Bürger haben einen Anspruch darauf, den die Politik nicht weiter ignorieren kann. Denn gute Regierungskommunikation muss dort stattfinden, wo die Bürger sind. Die Corona-Krise sollte auch hier für einen schnellen Perspektivwechsel sorgen. Wo reale Informationen fehlen, entsteht ein Vakuum. Und dieses Vakuum kann für unsere Gesellschaft mindestens so gefährlich sein, wie das Coronavirus für unsere Gesundheit.


Über den Autor | Daniel Krüger

Daniel Krüger engagiert sich seit zehn Jahren im Bereich digitale Kommunikation und Transformation. Er ist Inhaber der Digitalagentur Korrektur NachOben in Magdeburg. Im Oktober 2019 hat er die Plattform Digitale Provinz ins Leben gerufen. Gemeinsam mit seinem Redaktionsteam will er Projekte und Regionen ins Licht rücken, die oft zu kurz kommen. Das Blog und der gleichnamige Podcast beschäftigen sich mit Digital Transformation im ländlichen Raum. Digitale Provinz featured nicht nur Projekte an der Schnittstelle #digitalregional, sondern hinterfragt auch kritisch Entscheidungen in Politik, Verwaltung und Wirtschaft.

 

Transparenz-Hinweis

Dieser Beitrag erschien erstmals online bei MDR Sachsen-Anhalt und wurde im Rahmen einer Mediepartnerschaft zwischen Digitale Provinz und der Bitkom Akademie zur Verfügung gestellt.