“Virenscanner haben schon lange keine Chance mehr“

Rund jedes zweite Unternehmen in Deutschland ist in den vergangenen Jahren Opfer von digitaler Wirtschaftsspionage, Sabotage oder Datendiebstahl geworden. Prof. Timo Kob, Vorstand HiSolutions AG & Vorstand im ASW Bundesverband (Allianz für Sicherheit in der Wirtschaft e.V.), erläutert im Interview welche Unternehmen besonders betroffen sind und wie sie sich schützen können.

1. Welche Unternehmen sind von Wirtschaftsspionage betroffen?

Kob: Es ist ein verbreiteter Irrglaube, dass nur die „Großen“, also DAX-Konzerne und Global Player von Spionage betroffen sind. Gerade der innovative Mittelstand steht hier auch im Fokus. Und aufgrund des zuvor genannten Irrtums ist er oft ein besonders leichtes Opfer. Ein zweites Vorurteil ist, dass nur forschungsstarke Unternehmen gefährdet sind. Natürlich ist dies ein zentrales Angriffsziel, genauso kann aber auch die Teilnahme an einer begehrten Ausschreibung ein Unternehmen ins Fadenkreuz rücken. Ein dritter wesentlicher Punkt ist, dass zum Wirtschaftsschutz nicht nur Spionage-, sondern auch Sabotageabwehr gehört. Dieser dritte Punkt führt oft dazu, dass noch ganz andere Motivationen und Tätergruppen betrachtet werden. Und Sabotage ist heute nicht mehr nur der sprichwörtliche „Sand im Getriebe“ und die „Bombe an der Brücke“, sondern kann auch ein Anschlag auf die Reputation durch Soziale Medien sein.

2. Hacker und Cyber-Kriminelle entwickeln ständig neue Schadsoftware - welche Methoden werden momentan verstärkt eingesetzt?

Kob: Angriffe werden immer individueller und maßgeschneiderter. Virenscanner haben schon lange keine Chance mehr. Je genauer ein Täter sein Opfer kennt, desto höher ist die Wahrscheinlichkeit, dass sein Plan aufgeht. Platt ausgedrückt: Dass der Täter weiß, dass Sie gerne Tango tanzen, ist oft wichtiger für den Erfolg des Angriffs als die verwendete Technik. Denn trifft eine E-Mail Ihr Interesse und steigt die Plausibilität der Rechtmäßigkeit der Nachricht – weil sie, um im Beispiel zu bleiben, von Ihrem Tanzclub  zu stammen scheint -, so steigt auch die Wahrscheinlichkeit des Angriffserfolgs. Es vermengen sich so technische und andere Aspekte des „Spionagehandwerks“ zu einer gefährlichen Mischung.

3. Was können Unternehmen tun, um sich nachhaltig zu schützen?

Kob: Die Erkenntnis, ein potenzielles Ziel zu sein, ist schon ein großer Schritt. Die nächsten zwei Schritte sind, herauszufinden, wer denn potenzielle Angreifer und was denn die genauen Objekte der Begehrlichkeit, die so genannten „Kronjuwelen“, sein könnten. Das sind genau die Informationen, die in falscher Hand zu einem wirklich dramatischen bis existenziellen Schaden für das Unternehmen führen. 

Bei genauer Betrachtung stellt sich oft heraus, dass dies wirklich nur eine Handvoll Informationen sind. Konzentriert man sich bei den Schutzmaßnahmen hierauf, ist dementsprechend auch der Aufwand meist tragbar. In unserem Seminar „Wirtschaftsschutz mit System“ vermitteln wir den Teilnehmern genau diesen Ansatz: Lieber etwas mehr Aufwand in eine systematische Analyse im Vorfeld stecken, aber dafür die Maßnahmen sehr fokussiert und angemessen umsetzen.

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